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Lyrik nach Auschwitz: lakonisch, wach, hingebungsvoll

Elisabeth und Dr. Rolf Hackenbracht, August 2000

Die Gedichte weil ich keine jüdin bin sprechen von der aufbegehrenden Ratlosigkeit angesichts einer unabgeschlossenen und unabschließbaren Geschichte. Das glechsam antikische Grundgefühl einer lastenden Schuld, die sich nicht aus einer direkten eigenen Verfehlung herleitet, verschärft sich in dem Bewusstsein, angesichts menschlichen Elends und Leidens selbst behütet zu leben. Das Gefühl innerer Zerrissenheit, mit wachen Sinnen wahrzunehmen und den Zustand einer unverwandelten Welt nicht wenden zu können, teilt sich letztlich in nahezu jedem Gedicht dieser Sammlung mit und findet in Verfremdendungen und in der Zerstörung sprachlicher Strukturen den lyrischen Ausdruck. 

Die Darstellungsformen wechseln notwendigerweise, denn die persönliche Betroffenheit, die hier zur Sprache kommt, fordert unterschiedliche Sprachgesten und unterschiedliche ästhetische Ebenen. Katharina Schäfer schreibt Gedichte nach Auswitz in einer beständigen Reflexion auf dieses Ereignis der deutschen Geschichte. Dort, wo sie ein Gedicht unter die Überschrift Schuld stellt, gerät die Rede, die andernorts erklärt, ins Stammeln, und Adorno scheint bestätigt, wenn sich in Prosa eingerückte, ausdrückliche Erklärungen zwischen den Gedichten finden, deren spröder Ton anrührt. 

Betroffen steht man unter dem Eindruck des Gedichts, das der Sammlung gleichsam in der Negation den Titel gegeben hat: So bin ich Jüdin worden, dem gewagtesten der Gedichte, weil sich hier am deutlichsten der existentielle Bezug der Schreibenden auf die für sie gegenwärtig gebliebene Geschichte zeigt. Auf die ästhetische Qualität der Gedichte, die sprachliche Nuancierungsgabe der Autorin, ihr Gespür für jene die Wirklichkeit verwandelnde Kraft der Wörter, auf ihr Sensorium für lautliche Differenzierungen sei aufmerksam gemacht mit einigen Sätzen zum Gedicht Poesie.

Lakonisch-zärtlich entwächst es aus einem einzigen Wort. Das sprechende Ich überlässt sich einer Art Tanz, in dem es das Wort als seinen Partner herausfordert und umwirbt. Die Hingabe an die Sprache, die spielerische Vertrautheit, die hier inszeniert wird, ist so unumgänglich wie die Liebe. Geradezu zärtlich ist das Gedicht formal gebunden durch die doppelte rhythmische Schleife
flüchtiges/ gebeuteltes, den wiederholten Binnenreim (dich will ich/dich und mich), durch die übermütigen Alliterationen (in Blüte/auf Bräutigamsschau//in der Küche/am Kindsbett). Schließlich werden in der letzten Strophe die Lakonie aufgegeben und die Zeilen wenn eins das andere hält fast verschwenderisch vielsinnig. 

Katharina Schäfers Gedichte rufen unterschiedliche, vor allem auch widersprüchliche Gefühle wach. Sie stellen eine emotionale und intellektuelle Herausforderung dar. 

You want to join?

Vor allem die folgenden j:m:-Projekte laden zur Mitgestaltung und Mitarbeit ein:

  • »Why Tango?« Die Tangolehrerin Veronica Toumanova hat mit ihren englischsprachigen Essays im Netz eine große Fangemeinde erobert. Sie versteht es, den Tango auf eine Art zu erklären, die all das, was ihn schwierig macht, leicht erscheinen lässt. Humorvoll, direkt, unprätentiös, das sind die Texte, die sich vor allem an Frauen richten, aber auch für Männer wichtige HIlfestellungen bieten. Im April 2019 war ich in Paris und habe ein Video-Interview mit Veronica Toumanova gemacht. Ich suche eine Übersetzerin oder jemanden, die/der das Crowdfunding für Übersetzung und Lektorat organisiert.
  • Digital Immigrants. Wenn zehn Finger über die Tastatur fliegen, fühlt sich das anderes an, als mit einem Stift in der Hand zu schreiben. Der Bildschirm hat das Papier ersetzt. Wie verändert die Digitalisierung das Schreiben und das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion? Zu diesem Thema würde ich gern ein Buchprojekt starten, mit Texten »digitaler Immigrant:innen«, die den Umbruch reflektieren. Ich suche jemanden, die/der das Projekt übernehmen möchte, vorzugsweise selbst ein/e digitale Immigrant/in.
  • PosterPoems. Mein Traum ist es, die vielen Werbeplakate, die den öffentlichen Raum prägen, zumindest zeitweise durch Kunstplakate zu ersetzen. Um ein sichtbares Zeichen für die Bedeutung von Kunst und gegen die Macht der omnipräsenten Werbung im öffentlichen Raum zu setzen, braucht es Sponsoren, die ein solches Projekt unterstützen.
  • Die Interviews in dem Band »auschwitz : heute« reflektieren den aktiven Umgang junger Menschen in Deutschland mit Auschwitz. Um aus den Interviews ein Hörbuch zusammen zu stellen, suche ich eine:n Interessentin/en, die/der hierbei in Form eines Praktikums oder auf Honorarbasis unterstützt.
  • »Ich sehne mich nach wilden Küssen«. Mit ihren freiziügigen Gedichten sorgte die Wiener Schauspielerin Ada Christen Mitte des 19. Jahrhunderts für Schlagzeilen. Nach ihrer Eheschließung zog sie sich völlig aus dem literarischen Geschehen zurück. Ich möchte ihre Gedichte neu verlegen, zusammen mit einem Essay, den ich bereits zu schreiben begonnen habe, und suche Unterstützung für das gesamte Projekt.
  • »Mein Herz gleicht einem Gottesacker«. Selten hat jemand Trauer in solch anrührende Verse gepackt wie die vergessene Dichterin Louise Brachmann, die zeitgleich mit Goethe und Schiller lebte, viele Verluste hinnehmen musste und verzweifelt versucht hat, sich als professionelle Schriftstellerin zu etablieren. Als sie sich nach einer gescheiterten Liebe das Leben nahm, versank sie in Vergessenheit. Ich möchte ihre Gedichte mit einem Essay kombinieren und suche Unterstützung für das gesamte Projekt.

Last but not least: Wenn du eine eigene literarische Projektidee hast oder ein Manuskript, das zu j:m passen könnte, freue ich mich auf deine E-Mail.

Podcast »Privatlesung«

Der Podcast »Privatlesung« ist während Corona entstanden, als keine Lesungen möglich waren, und ist auf allen gängigen Portalen wie Spotify oder YouTube zu hören.

Einleitend ging es um die Erzählung »Das eindeutige Angebot« aus dem Band »Sind Tangotänzer die besseren Liebhaber?« und die Frage, was der Held des Geschehens zu seiner literarischen Spiegelung sagt. Später kamen Beiträge zu Stephan Krawczyks »Augenhöhe« , dem Helden Oskar aus dem Roman »Rikscha Tango« von Heinrich von der Haar und dem Roman »So leicht kommst du nicht in den Himmel« von Noshin Shahroki dazu. hinzu. Die aktuell letzte Folge befasst sich im Gespräch mit dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Fries mit der Funktion von Leerzeichen, nicht nur in Texten.

Lasst euch mitnehmen auf eine faszinierende Reise zur dünnen Grenze zwischen Realität und Fiktion, die entsteht, sobald man zu erzählen beginnt, und verschwimmt, solange man sie als selbstverständlich ansieht.

Privat ist nicht privat. Und Literatur kann mehr als Fiktion.

Seid neugierig. Seid dabei.

»Privatlesung«

Stephan Krawczyk: Augenhöhe

»Augenhöhe«
Vater Sohn Momente
Stephan Krawczyk

In seiner Erzählung »Augenhöhe« begleitet der alleinerziehende Vater und Schriftsteller Stephan Krawczyk seinen Sohn, dessen Beobachtungen seinen Blick verändern – eher beiläufig, nebenbei. Die LeserInnen werden auf eine Reise mitgenommen, die zornig beginnt und zärtlich endet.

Stephan Krawczyk: Augenhöhe. Vater Sohn Momente, Hardcover, 88 Seiten, 2. Auflage, 15 €, ISBN 978-3-935401-25-8

Am Freitag, 29. August 2025 präsentiert j:m: den Liedermacher und Schriftsteller Stephan Krawczyk mit Lesung und Konzert »Vater-Sohn-Momente« im Kulturhaus Schwarzsche Villa, Berlin-Steglitz. Tickets hier

NEU im Programm von j:m: »Die heilende Schrift« mit 27 Miniaturen von Stephan Krawczyk über Engel, an die man nicht glauben muss, um sich in sie zu verlieben. Ein himmlisches Buch, auch für AtheistInnen.

Eine von Stephan Krawczyk gelesene Hörprobe aus »Augenhöhe«  bietet die gleichnamige Folge des Podcasts »PrivatLesung« von Lea Martin. In seinem Song »Gutschein« entlarvt er den schönen Schein der digitalen Gleichheit als kapitalistische Show.

Von Stephan Krawczyk inspirierte PosterPoems von Lea Joan Martin finden sich unter diesem Link. Die Zitate sind dem Roman »Steine hüten« von Stephan Krawczyk entnommen.

Als »Künstler der Anwesenheit« tritt Stephan Krawczyk mit seinen Konzerten, Liedern und Romanen für eine Gesellschaft ein, die ihre Verantwortung  für ein Miteinander auf Augenhöhe wahrnimmt.

Weitere Informationen zum Künstler unter www.stephan-krawczyk.de.