Alle Beiträge von leamartin

Leseprobe »Singlemutter«

Hörprobe »Liebst du mich?«

»Singlemutter« (Leseprobe) 

Eigentlich fehlt uns nur noch der Hund. Im übrigen tobt in meiner Familie das Chaos. Wenn nicht eins der Kinder gerade etwas will, quietscht das Meerschweinchen oder das Telefon klingelt. Dabei gelte ich offiziell als allein, zumindest in pädagogischer Hinsicht. Alleinerziehend sind Eltern, denen ein Partner fehlt. Einflügelige Vögel, sozusagen. Dabei war ich verheiratet nicht weniger allein. Ein Mann, der allenfalls optisch anwesend ist, hebt das Gefühl des Alleinseins nicht gerade auf. Nun bin ich es, offiziell.    

Bekannte bieten ihre Hilfe an, Freundinnen spenden Trost. Sogar der Großmutterdienst kommt für mich in Frage. Ich erziehe, alles in allem, nicht wirklich allein. Schule, Bücher, Hort, Fernsehen erziehen fröhlich mit. Ganz zu schweigen von den Geschwistern. Fein säuberlich achten sie darauf, dass niemand privilegiert wird. Und auch ich werde erzogen. Mama, musst du das so unfreundlich sagen? oder Du hast heute wohl schlechte Laune?! sind an der Tagesordnung, gefolgt von klaren Anweisungen, was ich einkaufen soll. 

Kinder alleinerziehender Eltern gelten als besonders selbstbewusst. Gern nehmen sie die Rolle von Ersatzpartnern an – oder werden in sie gedrängt. »Mama gehört uns« ist die klare Botschaft von Kindern, die sich dagegen wehren, dass ihre alleinerziehenden Mütter ein Privatleben führen. Neugierig schleichen sie ins abendliche Wohnzimmer und finden, dass sie dazugehören, egal wer da gerade bei Mama sitzt. Sie sind der Mittelpunkt. Und das wollen sie auch bleiben. Kritisch registriert meine Älteste, als ich (man stelle sich vor) Kerzen ins Schlafzimmer entführe. Kerzen! Im Schlafzimmer! Heimlich holt sie die Kerzen zurück. Eine Alleinerziehende ist eine Frau, die allein zu sein hat. Als Strafe. Für ihren Abschied vom Mann. (Oftmals denken das übrigens nicht nur Kinder.) Tatsächlich war ich selten so gesellig wie als Alleinerziehende. Freundinnen, neue Bekanntschaften, meine sozialen Kontakte nahmen, kaum war ich allein, immer zu. Alleinerziehend stellte ich fest, dass ich so alleine nicht bin: Überall gibt es Mütter, die ähnlich alleine sind – und sich nach Freundschaften sehnen. Zwar ersetzt die beste Freundin der Welt keinen Partner, aber ihre Anteilnahme kann Maßstäbe setzen. Nur eine Alleinerziehende ohne Freundinnen ist wirklich allein. War ich je wirklich alleinerziehend? Eher habe ich mich wie eine Singlemutter gefühlt. Mutter, Single … und duchaus nicht allein.

 

immerwiedersingle — Rezension

In ihrer Zeitschrift »Clique. Das Magazin im Süden Berlins« erzählt die Herausgeberin und Chefredakteurin Anita Tusch unter dem Titel »Schiere Lust« von ihrer Begegnung mit Laetitia Liebe. Die Blog-Sammlung »immerwiedersingle.de« empfiehlt sie wie folgt:

»Von ‚Ich mach das hier zum ersten Mal‘ bis hin zu ‚Beziehungsstatus glücklich‘ könnt ihr eine Reise durchleben, in der ihr Euch ganz sicher auch wieder findet, vielleicht sogar gleiche Muster wie die Buchautorin entwickelt habt oder spätestens hier die Absolution für Euer Denken oder Handeln bekommt. Alles total normal oder eben doch nicht? Das Ziel von Laetitia Liebes Buch bleibt es, Mut zu machen und zwar auf beiden Seiten, um das Spiel mit Wünschen und Idealen besser zu verstehen. Es geht in Wirklichkeit doch um den Flirt mit dem Spiel des Kennenlernen, oder etwa nicht?«

Im Gespräch mit Anita Tusch sagt Laetitia Liebe über ihr Buch:

»Ich habe viele kurze und interessante Begegnungen gehabt. Die Menschen haben sich mir gezeigt, und jeder hat etwas in mir verändert. Die Innenansicht eines Singles berührt Männer wie Frauen. Viele flüchten in die virtuelle fiktive Welt. Mein Buch birgt Tipps aus der Welt des Scheins, um sich nicht unnötig verletzen zu lassen, sich zu schützen und einiges klug zu beachten – so dass man auch etwas von dieser Zeit hat.«

Der vollständige Text ist auf der Facebook-Seite von Laetitia Liebe nachzulesen. 

Leseprobe »Körbe sind nicht schön, aber gehören dazu«

Leseprobe:

»Körbe sind nicht schön, aber gehören dazu«

Es ist nicht schön, einen Korb zu bekommen. Und Körbe verteilen macht auch keinen Spaß. Deshalb habe ich mir angewöhnt, mir beim ersten Date nichts anmerken zu lassen. Ich zeige freundliche Miene, Pokerface. Das Gegenüber kann glauben, was immer es mag. Was ich empfinde, behalte ich für mich. Das mag fair oder nicht fair sein, so gewinne ich Zeit. 

Meist schreibe ich dann eine Mail. Oder eine SMS. Es sei schön gewesen und ich fände ihn sympathisch, aber, leider, es hat nicht gefunkt. Manche Männer nehmen das krumm. Reagieren gar nicht, einsilbig oder gar boshaft. Titanium reagiert wie ein Gentleman: Das sei schade, er sei ein wenig traurig, denn er habe sich durchaus etwas vorstellen können. Das ist ein Abgang in Würde, all jenen überlegen, die schon Ansprüche stellen, bevor man sich auch nur gesehen hat. »So ist das immer mit schönen Frauen«, lese ich, nachdem ich auf eine Mail nicht binnen 24 h geantwortet habe. »Sie sind alle unzuverlässig. Wenn du bereits zu Beginn unserer Romanze kneifst, war es das jetzt.« Romanze …? Soll er denken, was er will. Wer bereits im Flirtstadium meckert, wie will dieser Mensch noch Punkte sammeln? 

Absolut höflich hingegen gibt sich Ritter_2013. Er hat jenen verwegenen Charme, dem ich zu verfallen geneigt bin. Und dann treffen wir uns. Als ich ihn sehe, durchzuckt mich jenes Etwas, was dafür steht, dass etwas möglich sein könnte. Ich finde ihn auch real immer noch cool. Stutzig macht mich nur, dass er kaum Fragen stellt. Vielleicht gefalle ich ihm nicht ..? Um das herauszufinden, breche ich auf. »Oh, jetzt schon ..?« „Wir können das Ganze ja wiederholen ..?« „Ja, klar“, sagt er in jenem langgezogenen Ton, den ich von mir kenne, wenn ich es nicht ernst meine. Dann passiert nichts mehr. Keine Mail, keine SMS. Schließlich schreibe ich: Schade, nicht mal ein Korb, nach so einem netten Beginn. Er antwortet: Ich hätte Recht, es sei ein Fehler gewesen, im Single-Portal zu sein, er habe sich wieder abgemeldet. 

Das öffnet viel Raum für Fantasie. Vielleicht wollte er seinen Marktwert testen: weil Stress mit der Partnerin. Das kann ich verstehen. Das Netz ist keine bessere Welt, sondern es tummeln sich ganz normale Menschen darin. Körbe sind nicht schön, aber gehören dazu. Mir gefällt, wenn jemand sich Mühe gibt, sie hübsch zu verpacken. Wegstecken muss jede:r sie selbst.

aus: »www.immerwiedersingle.de, Laetitia Liebe, Berliin 2018

Leseprobe »Tango Dreams«

68. Kolumne: Vor dem ersten Schritt

Oben Kuschelkurs, in den Hüften so viel Abstand wie möglich. Die besondere Tanzhaltung des argentinischen Tangos wird gerne mit der Angst argentinischer Matrosen erklärt, ihr schwer verdientes Geld beim Schunkel-Tanz zu verlieren. Die weibliche Berührung sollte genossen werden, ohne dass die prallgefüllten Hosentaschen geplündert werden konnten. Sinnlichkeit und Selbstschutz.

Das Bild der Matrosen fällt mir ein, als ich bei der Freitags-Milonga in der Panoramico-Bar im 13. Stock am Strausberger Platz beobachten darf, wie eine Tanguera in rotem Shirt aufgefordert wird. Sie, sichtlich erfreut, breitet die Arme aus, um jene Tanzhaltung einzunehmen, bei der nur noch geklärt werden muss, ob eng oder offen. Doch weit gefehlt. Während ihre Arme selbstbewusst in der Luft schweben, lässt der Tanguero sich Zeit. Die hinteren Hosentaschen seiner Jeans sind so prall gefüllt, als habe es ihn direkt vom Rio de la Plata nach Berlin-Mitte gespült, wenn es auch keine Goldmünzen sind, die ihn beschweren, sondern die ganz gewöhnliche Grundausstattung eines Mannes: Geldbörse, dazu Smartphone, Auto- und Hausschlüssel.

Seine Hosentaschen signalisieren seinen Single-Status, denn wäre er in Begleitung, läge der Inhalt wohl verwahrt im Handtäschchen seiner Liebsten. Der Tanguero mit den prallen Hosentaschen steht auf der Tanzfläche, als sei Stehen ein Prozess. Es ist ein Prozess. Der Entschleunigung. Der Verinnerlichung. Langsam kommt er an. In seinem Stehen. Bei sich. Und bereitet sich vor auf den Moment, da die Musik zu einer Eingebung wird, die ihm sagt, jetzt sei der Moment, den ersten Kontakt mit der Dame im roten Shirt herzustellen, die ihre Arme nun mit einer irritierten Bewegung wieder herabsinken lässt.

Tango beginnt vor dem ersten Schritt, ja, vor der ersten Berührung. Damit Erwartungen nicht enttäuscht werden, lässt man sie besser zuhause. Kontakt wird erzeugt durch Bewegungen, die einer unsichtbaren Parada gleichen, jenem Schritt, bei dem der Führende seinen Fuß als Grenze aufbaut. Halt. Stopp. Der schönste Weg ist ein Umweg. Tango lehrt, Umwege zu genießen. Dann, endlich, ist es soweit. Der Tanguero legt den Arm um den Körper der Frau, seine Hand findet ihren Rücken und fast sieht es so aus, als habe sie sich in sein Tempo gefügt. Sie atmen ein, ihre Körper verbinden sich, gleich wird er sie einladen zum ersten Schritt. Gespannt halte ich den Atem an. Wohin wird er führen?

Auszug aus »Tango Dreams«, Lea Martin, Berlin 2019